Eine Studie, die 2023 vom italienischen HR-Unternehmen Reverse durchgeführt wurde, zeigt: Nur in 4% der Stellenanzeigen in Italien wird das Gehalt angegeben. Für diese Studie wurden 200 Stellenanzeigen auf LinkedIn aus vier verschiedenen Ländern miteinander verglichen: Je 50 Anzeigen aus Italien, Spanien, Frankreich und Deutschland. Alle vier Länder haben dabei schlecht abgeschnitten: In 6% der französischen Stellenanzeigen wurden Gehaltsangaben gemacht, in 4% der spanischen und italienischen, während in Deutschland bei keiner Stellenanzeige das Gehalt angeführt wurde. Warum man die Gehälter in Stellenanzeigen jedoch angeben sollte bzw. bald sogar angeben muss, lesen Sie in diesem Artikel.

Erfüllung gesetzlicher Anforderungen
Bisher war die Angabe des Gehalts in wenigen Ländern gesetzlich vorgeschrieben. Im Juni 2023 änderte sich dies mit der Europäischen Entgelttransparenzrichtlinie (EU/2023/970). Diese besagt, dass Unternehmen ab dem 7. Juni 2026 verpflichtet sind, in Stellenanzeigen das durchschnittliche monatliche oder jährliche Gehalt anzugeben. Dies gilt für alle Unternehmen in der Europäischen Union und damit natürlich auch für Südtiroler Betriebe. Die Hauptgründe und Ziele dieser Richtlinie sind die Bekämpfung von Lohndiskriminierung und der Abbau des Gender Pay Gap, also dem geschlechtsspezifischen Lohngefälle, in der EU. Weitere Gründe sind die mangelnde Transparenz von Entgeltsystemen und die fehlende Rechtssicherheit bezüglich des Begriffs der gleichwertigen Arbeit. Die Europäische Entgelttransparenzrichtlinie sieht ebenso vor, dass Unternehmen von ihren Kandidat/innen ihr letztes Jahresbruttoeinkommen nicht anfordern dürfen. Dies soll die Kandidat/innen davor schützen, dass der/die neue Arbeitgeber/in sich am alten Gehalt orientiert und somit womöglich ein zu niedriges Gehaltsangebot vorschlägt.
Förderung von Lohngleichheit
Es ist keine Neuigkeit: Frauen verdienen im Jahr 2025 immer noch weniger für dieselbe verrichtete Arbeit. In Südtirol beträgt der Unterschied bei Vollzeitbeschäftigten rund 17%. Gehaltstransparenz hilft dabei, geschlechtsspezifische und strukturelle Lohnunterschiede zu verringern. Wenn das Gehalt offen kommuniziert wird, sinkt der Spielraum für willkürliche und unfaire Verhandlungen. Gerade Frauen oder Menschen aus unterrepräsentierten Gruppen neigen dazu, sich unter ihrem Marktwert zu bewerben. Eine klare Gehaltsangabe fördert hier Chancengleichheit und setzt ein deutliches Zeichen gegen Diskriminierung. Unternehmen, die auf Transparenz setzen, zeigen damit gesellschaftliche Verantwortung. Das ist nicht nur für Bewerber/innen ein Pluspunkt, sondern auch für das Employer Branding, denn Bewerber/innen kennen so von Anfang an ihren Wert als Arbeitnehmer/innen und wissen, dass das Unternehmen auf Transparenz und ehrliche Kommunikation setzt.
Transparenz = Vertrauen
In einer Arbeitswelt, in der Unternehmen um qualifizierte Fachkräfte werben, ist Authentizität ein entscheidender Faktor. In vielen Realitäten wird über das Gehalt kaum gesprochen. Es gilt als etwas Privates, das man nur im vertraulichen Rahmen thematisiert. Diese Intransparenz führt häufig zu Unsicherheiten, Spekulationen und letztlich zu Misstrauen. Wer das Gehalt klar angibt, signalisiert Offenheit, Fairness und gibt ein Zeichen moderner Führung. Das stärkt das Vertrauen der Kandidat/innen in das Unternehmen, lange bevor überhaupt ein Vorstellungsgespräch stattfindet. Stellenanzeigen wirken zudem professioneller und glaubwürdiger. Bewerber/innen haben so das Gefühl, dass sie auf Augenhöhe angesprochen werden. Damit beginnt Vertrauen bereits vor der ersten Kontaktaufnahme: Schon beim Lesen der Stellenanzeigen beginnen Kandidat/innen, sich ein Bild vom Unternehmen zu machen. Wird dort transparent kommuniziert, beispielsweise durch Gehaltsangaben, klare Benefits, Angaben zur Unternehmenskultur, entsteht von Anfang an ein Vertrauensverhältnis. Besonders die jüngeren Generationen Y und Z legen großen Wert auf Transparenz, Authentizität und Werteorientierung. Außerdem zeigt es, dass Unternehmen sich aktiv mit seinen Vergütungsstrukturen auseinandersetzen, die Leistung seiner Mitarbeiter/innen schätzt und keine Machtspiele in Gehaltsverhandlungen führt.

Tipp: Wenn Sie das genaue Gehalt nicht nennen möchten, bietet sich ein Gehaltsrahmen oder eine Formulierung wie „je nach Qualifikation und Erfahrung zwischen X und Y Euro brutto im Jahr“ an. Auch das ist ein Schritt in Richtung Transparenz und wirkt deutlich besser als keine Angabe. Ebenso kann die Angabe eines Mindestgehalts für die ausgeschriebene Stelle ein gutes Zeichen setzen, anschließende Gehaltsverhandlungen begrenzen und damit beschleunigen.
Zeitersparnis für beide Seiten
Ohne Gehaltsangabe müssen Bewerber/innen im Bewerbungsprozess nachfragen oder die Gehaltsfrage in Bewerbungsgesprächen klären. Dies anzusprechen ist für viele ein unangenehmes Thema. Wird das Gehalt von Anfang an offen kommuniziert, können Bewerber/innen besser einschätzen, ob sich eine Bewerbung überhaupt für sie lohnt. Auch Unternehmen profitieren davon: die Zahl irrelevanter Bewerbungen sinkt, die Qualität der passenden Bewerber/innen steigt. Das spart Zeit in der Vorauswahl und im Bewerbungsprozess. Teure Prozesse mit Bewerbungen, die letztlich an zu niedrigen Gehaltsvorstellungen scheitern, lassen sich vermeiden. Damit werden auch Gehaltsverhandlungen vereinfacht, da die Kandidat/innen von Beginn an die Gehaltsvorstellungen des Unternehmens für die ausgeschriebene Stelle kennen. Ist das exakte Gehalt angegeben, sind Gehaltsverhandlungen womöglich gar nicht relevant.
Wettbewerbsvorteil auf dem Arbeitsmarkt
Der Arbeitsmarkt hat sich in den letzten Jahren drastisch verändert: Vom Arbeitgebermarkt hin zu einem Bewerber/innenmarkt, in dem qualifizierte Fachkräfte oft die Wahl zwischen mehreren Jobangeboten haben. In diesem Kontext wird Gehaltstransparenz zu einem entscheidenden Wettbewerbsvorteil: Sowohl bei der Sichtbarkeit der Stellenanzeigen als auch bei deren Überzeugungskraft. Gerade in umkämpften Branchen, wie beispielsweise in der IT, im Handwerk oder in der Pflege, ist die Konkurrenz um Fachkräfte groß. Viele Kandidat/innen suchen gezielt nach Stellen, die klare Gehaltsinformationen enthalten. Wer hier transparent ist, positioniert sich als moderner, attraktiver Arbeitgeber. In einem „Arbeitnehmermarkt“ kann dies entscheidend sein, um sich von der Konkurrenz abzuheben. Außerdem zeigen diverse Studien auch eine bessere Performance der Stellenanzeigen, wenn sie Gehaltsangaben enthalten: Jobanzeigen mit Gehaltsangaben werden häufiger aufgerufen, weisen eine höhere Verweildauer auf und führen zu mehr qualifizierten Bewerbungen.
Fazit
Die Gehaltsangabe in Stellenanzeigen ist mehr als eine nette Zusatzinformation: Sie ist ein strategisches Instrument. Unternehmen, die auf Transparenz setzen, profitieren von effizienteren Recruiting-Prozessen, höherer Qualität der Bewerbungen, einem besseren Ruf als Arbeitgeber/in, der Förderung von Fairness und Gleichbehandlung. Außerdem fördern Gehaltsinformationen die Sichtbarkeit auf Jobplattformen und tragen damit zu einer besseren Performance der Anzeigen bei. Es ist längst an der Zeit, dass Offenheit, Fairness und Gleichberechtigung nicht nur mehr in den Fokus gerückt, sondern auch umgesetzt werden. Deshalb wird es für verantwortungsbewusste Arbeitgeber/innen zur Pflicht, hier mit gutem Beispiel voranzugehen.