Wer von Bozen ins Eisacktal fährt, dem fällt kurz vor Brixen ein Gebäude auf, das auf den ersten Blick wohl kaum nach klassischem Industrieareal aussieht: der Durst-Turm. Wir werfen einen Blick hinter die Fassade eines Unternehmens, das für weit mehr steht als für Drucker.
Zurück zum Ursprung
Schönheit und Architektur spielen bei Durst seit jeher eine besondere Rolle. Schon das erste Firmengebäude galt als ungewöhnlich für einen Industriebetrieb, erzählt Michael Hildgartner, HR Business Partner. In den Anfangsjahren war das Unternehmen vor allem in der Entwicklung und Produktion von Fotoapparaten und Vergrößerungsgeräten tätig. Der Anspruch an Ästhetik und Gestaltung hat sich bis heute gehalten. Der Durst-Turm erzählt davon vielleicht am deutlichsten.
Die Idee zu diesem Bau entstand bereits in den 1960er-Jahren, umgesetzt wurde sie allerdings erst Jahrzehnte später. Die Fassade mit ihren vielen kleinen Fenstern stellt abstrahierte Pixel dar - bewusst gewählt, denn genau dort sieht Durst den Ursprung seiner Arbeit.
„Wir starten dort, wo die Pixel entstehen“, erklärt Hildgartner. „Dort, wo Grafiker mit digitalen Dateien arbeiten. Wir nehmen diese Daten und ermöglichen es unseren Kund:innen, daraus reale Oberflächen zu machen. Egal ob Fliesen, Verpackungsmaterial, großflächige Werbeflächen oder Textilien.“


„Durst ist keine Druckerei“
Durst entwickelt, entwirft und baut die Drucker - und ebnet damit den Weg vom digitalen Entwurf zum physischen Produkt. Gedruckt wird bei den Kund:innen weltweit. „Durst selbst druckt kaum. Wir verstehen uns als Technologieunternehmen“, so Hildgartner.
Entsprechend breit sind die Berufsbilder: von Softwareentwicklung über Maschinenbau, Elektrotechnik, Chemie und Physik bis hin zur Montage. Zwischen 35 und 40 verschiedene Profile arbeiten unter einem Dach. Diese Vielfalt prägt den Arbeitsalltag und sorgt dafür, dass hier selten jemand nur in einer Disziplin denkt.
2026 feiert Durst sein 90-jähriges Bestehen. Heute liegt der Fokus vor allem auf digitalen Industrieanwendungen. Der Anspruch an Innovation und Technologieführerschaft werde nach wie vor gelebt, denn mit neuen Technologien werden neue Märkte geöffnet.
Von Brixen in die ganze Welt hinaus
Das Headquarter von Durst liegt in Brixen und zählt rund 470 Mitarbeitende. Ein weiterer zentraler Standort befindet sich in Lienz, wo etwa 200 Personen in Entwicklung, Produktion und im Labor arbeiten. Auch in Kufstein gibt es einen Entwicklungshub. 2024 kam ein weiterer Standort in Como hinzu.
In über 23 Ländern ist Durst mittlerweile vertreten, um Kund:innen möglichst direkt vor Ort betreuen zu können. Wird Fachexpertise aus Brixen benötigt, um Probleme an den Maschinen zu lösen, werden Servicetechniker:innen zunächst remote dazugeschalten. Reicht das nicht aus, so reist jemand aus Brixen an.
Servicetechniker:innen sind im Schnitt rund 40 Prozent ihrer Arbeitszeit unterwegs - zwischen Zeitzonen, Sprachen und unterschiedlichsten technischen Rahmenbedingungen. Manche Einsätze dauern nur wenige Tage, andere bis zu zwei Wochen. Italien sei ein wichtiger Markt für das Unternehmen, der Großteil der Anwendungen liegt jedoch im Ausland. Besonders stark ist Durst in Nordamerika vertreten. Auch China rückt zunehmend in den Fokus, wo technologische Entwicklungen sehr schnell voranschreiten.

Einblick ins Unternehmen
Schon ein Blick in den Eingangsbereich verrät viel über die Internationalität von Durst: An der Wand hängen Uhren mit verschiedenen Zeitzonen - London, São Paulo, Mexico City. Und doch bleibt der Mittelpunkt klar: Brixen. Das Headquarter ist und bleibt in Südtirol, gleichzeitig aber eng vernetzt mit Standorten und Partnern auf der ganzen Welt.
Entwicklung von Berufsbildern
„Den klassischen Drucktechniker von früher gibt es heute kaum noch. Stattdessen rücken Profile wie Mediendesigner, Softwareentwickler oder Servicetechniker in den Vordergrund“, so Hildgartner. Entsprechend hat sich auch Durst verändert: Ein großer Teil der Ausbildung findet intern in der eigenen Lehrwerkstatt statt. Hier werden mechanische, elektrische und digitale Kompetenzen vermittelt.
Eine Academy gibt es auch für die internationalen Servicehubs. Neue Techniker:innen aus aller Welt kommen dafür teils nach Brixen, um die Maschinen, Abläufe und Denkweisen kennenzulernen. Es gehe weniger darum, nur Fachexpert:innen einzustellen, sondern vielmehr darum, Menschen auszubilden, die bereit sind, sich mit Neugierde in technische Systeme einzuarbeiten. „Wichtiger als perfekte Lebensläufe sind für uns Respekt im Umgang, Offenheit und echte Leidenschaft“, sagt Hildgartner. Transparente Kommunikation sei dabei keine Einbahnstraße. Sie werde vom Unternehmen erwartet, aber ebenso von den Mitarbeitenden.


Raum für neue Ideen
Innovation entstehe vor allem dort, wo Ideen abteilungsübergreifend geteilt werden, erklärt Hildgartner. Viele neue Entwicklungen entstehen aus dem Austausch zwischen Entwicklung, Produktion und Service. Dass all diese Bereiche räumlich nah beieinander sitzen, ist kein Zufall, sondern Teil der Unternehmenskultur.
Ein Ort, an dem dieser Ansatz im Unternehmen besonders sichtbar wird, ist das sogenannte „Kraftwerk“ in Brixen. Hier werden neue Konzepte fernab vom klassischen Tagesgeschäft getestet, weiterentwickelt oder auch wieder verworfen. Es ist ein Raum für Experimente, für Prototypen und für zukünftige Projekte.
Aus dem Gespräch bleibt vor allem eine Balance hängen: starke lokale Verwurzelung, gepaart mit internationaler Ausrichtung. Ein Familienunternehmen, das weltweit vernetzt ist - und sich trotzdem klar in Südtirol verortet. „Genau das macht Durst aus“, betont Hildgartner. „Internationalität, innovative Produktentwicklung und eine gewisse Südtiroler Sturheit, wenn es um Qualität und technische Lösungen geht.“
